HANDELSBLATT. Das Outfit kommt aus dem Internet

Erschienen im HANDELSBLATT in der Ausgabe vom Mo. 3.3.1997

Spezial: Dress for Success
Mode/ Surfen über die Fashion Mail- Maßnehmen per Mausklick
Das Outfit kommt aus dem Internet
Das Spielerische mit dem Nützlichen verbinden – wer möchte das nicht. Wer also Tag für Tag vor seinem PC im Büro oder zu Hause sitzt, Einkaufen und Anprobieren haßt, der wird sich früher oder später gern durchzappen zum Shopping im Internet. Da werden selbst Modemuffel per Mausklick fündig. Von REGINA WILLNECKER

KÖLN. In der guten alten Zeit -endete sie nicht ungefähr vorgestern?- bummelte man einfach zu seinem Lieblingsgeschäft, da wußte man, wo was hing und welche Größe angesagt war. Oder, wenn man sehr anspruchsvoll in Service, Paßform und Qualität war, suchte man seinen Lieblingsschneider auf. Beides kostete natürlich Zeit, kostbare Zeit, wie viele Menschen finden, die zwar gern einen neuen Anzug, ein neues Hemd oder ein neues Kostüm haben möchten, aber Einkaufen oft nervig finden.

Findige Meinungsforschungsinstitute sind dieser Unlust nachgegangen und stellten fest, daß vor allem Männer der Gedanke abschreckt, wie ein Nomade von Oase zu Oase zu ziehen um dann endlich- nach mühevollem und schweißtreibendem An- und Ausziehen in engen Kabinen- das Gewünschte zu finden. Oft werden solche Einkaufstouren auch unverrichteter Dinge abgebrochen.

Für alle, die wenig Zeit und Lust, dafür aber einen PC haben, kommt „der Anzug aus dem Internet“ Just-in-time. Daran hatte J.X.R. Licklider 1962 sicher nicht gedacht, als er für eine Abteilung des US-Verteidigungsministeriums ein Verfahren entwickelte, das zur Verbindung voneinander entfernt stehender Computer und Mitglieder an verschiedenen Orten dienen sollte, Heute benutzen schätzungsweise 60 Millionen Menschen weltweit „das Netz“. In Deutschland sind es bisher drei Millionen. Der durchschnittliche User wird auf etwa 30 Jahre geschätzt mit einem Jahreseinkommen von 70 000 DM.Warum sollte also die Mode vor diesem bequemen wie spielerischen Hilfswerkzeug haltmachen? Das fragte sich auch Dr. Dietrich Brügelmann aus Köln, der als Versender maßgefertigter Hemden, Sakkos, Hosen und Anzüge nach eigenen Angaben eine weltweite Kundschaft bedient. 10 000 Stammkunden erhalten bisher monatlich per Post Angebote für Maßartikel, 50 000 Kunden sind im Computer gespeichert. Seit Mitte Januar dieses Jahres geht es noch bequemer.

Per Mausklick (www.dietrich.com) im Internet. Der Käufer wird menügesteuert über Zusatzfenster (Kragen- Manschettetenformen und Maßanleitung), Pull-down.Menüs (Halsweiten, Ärmellängen) und Scrolling-Fenster für die Stoffdessins durch die Bestellung geführt. Dabei ertönt nicht nur eine animierende James-Bond-Melodie, sondern Herr Dietrich läßt sich auf dem Bildschirm machomäßig von zwei Mädels umschwärmen.. Während per Mausklick die Schönen auch in schwarzen Dessous und Strapsen zu sehen sind, hält sich Objekt ihrer Begierde bedeckt. So meint der clevere Geschäftsmann seinem Internet-Kunden die Auswahl des neuen (Netz-)Hemdes zu versüßen“ und spielerisch dem gestreßten Geschäftsmann mehr Spaß am Einkauf zu machen.

Auch der Schneider Matthias Aull aus dem Spessartort Frammersbach kommt durchs Internet. Bei ihm kann man unter http:/www.ddf.de/aull/ zwischen Jeans, Maßkleidung und Berufskleidung zappen. Doch damit nicht genug. Der Spessartschneider, der seit langem Maßanzüge im exclusiven Home-Service anbietet, informiert auch über Modetrends, macht Stilberatung, führt durch seine Werkstatt, lädt zu einem Ausflug nach Frammersbach ein und gibt Restauranttips. Jeans gibt es dann per Internet oder T-Online, bei hochwertiger Maßkleidung legt der Meister zu Hause oder im Büro lieber noch persönlich Hand an.

Wer sich erst einmal informieren möchte, was die neuen Trends so bringen, um dann erst vom kaufmännischen Mittelalter in die elektronische Shoppingzukunft zu surfen, der sollte vorher Urlaub einreichen. Ein paar Energydrinks sollten auch in Armlänge gekühlt bereitstehen. Denn das Angebot ist nicht nur mega, sondern monströs und kann leicht zur Optionparalysis (Entscheidungslähmung) führen.Nur ein kleiner Klick in die Internet-Fashion Mail, und man wähnt sich an den Laufstegen der Topstylisten von A wie Armani, B wie Boss, F wie Ferre, G wie Gucci, K wie Calvin Klein und Donna Karan, M wie Miyake, V wie Versace und Y wie Yamamoto.


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