WIRTSCHAFT UND REGION. Neue Kleider für die Karriere

Erschienen 1997 von Wirtschaft und Region, Wirtschaftsmagazin für Mainfranken und Rhön-Saale

Maßanzüge aus dem Spessart
Neue Kleider für die Karriere

„Maßgeschneiderte Eleganz im Homeservice“ lautet das Erfolgsrezept des Frammersbacher Edel-Schneiders Matthias Aull. Weil gerade junge Manager den handgefertigten Maßanzug als Business-Outfit zu schätzen wissen, scheint Aull damit einen Weg aus der Krise der deutschen Bekleidungsindustrie gefunden zu haben.

Es gibt Situationen, die den Erfolg eines Unternehmens entscheiden. In diesen Situationen ist es wichtig, daß man sich in seiner Haut wohlfühlt“, erklärt der Bekleidungstechniker Matthias Aull aus der Spessartgemeinde Frammersbach. „Dazu wollen wir durch eine entsprechende Kleidung beitragen. Unsere Maßanzüge passen wie eine zweite Haut, und geben dem geschäftlichen Auftritt diskrete Eleganz und Perfektion.“

Frammersbach ist bekannt für seine Schneiderzunft. Einstmals waren hier einige Kleidungshersteller und Heimschneider angesiedelt. Auch heute ist die Bekleidungsindustrie ein wichtiger kommunaler Wirtschaftsfaktor. Etwas versteckt, befindet sich am Ortsausgang der Herrenausstatter Aull mit eigener Produktion. Der dunkle Luxusmercedes vor der Haustür weist dezent darauf hin, daß besonders wohlhabende Kunden willkommen sind.

„Meine Kunden kommen aus dem deutschen Top-Business, auch einige hohe Politiker sind tragen Maßanzüge von Aull“, berichtet Matthias Aull voller Stolz. „Denn in den oberen Etagen der Wirtschaft ist eine hochwertige, klassische Kleidung angesagt, die zugleich strapazierfähig und bequem ist. Diese Ansprüche erfüllt ein Maßanzug wie kein anderes Kleidungsstück.“ Die Kundschaft des Edelschneiders kommt aus dem ganzen Bundesgebiet, Schwerpunkte bilden das Rhein-Main-Gebiet und der süddeutsche Raum. Weil der individuelle Service in diesem Geschäft über den Erfolg entscheidet, ist der 36-jährige mindestens fünf Tage in der Woche quer durch Deutschland unterwegs. Aull sucht jeden Kunden persönlich auf, nimmt Maß, berät bei der Stoff-, Schnitt- und Farbauswahl. Gefertigt werden die Anzüge dann von Ehefrau Lisa in der vom Schwiegervater übernommenen Schneiderei in Frammersbach.

Was schätzen die Kunden an Aulls Maßanzügen? „Der Kunde kann sich bei mir genau den Anzug machen lassen, den er sich vorstellt. Er muß nicht wählen, was gerade da ist. Der zweite Vorteil ist der Homeservice und der Zeitvorteil. Gerade im Management ist mangelnde Zeit ja oft das größte Problem.

Außerdem spielt es bei Maßanzügen keine Rolle, wenn man etwas andere Körpermaße hat als die Norm.“ Der im Vergleich zur Konfektionsgröße höhere Preis sei wegen der Qualität der Stoffe und der Verarbeitung gerechtfertigt. So werden ausschließlich hochwertige englische oder italienische Naturstoffe aus Wolle, Mohair, Kaschmir und Seide verwendet, wobei die Feinheit der verwendeten Garne den feinen Unterschied ausmacht. Die Stoffqualität entscheidet letztendlich auch über den Preis: „Meine Kunden sind meist sehr vermögende Leute, die Wert auf Ihre Garderobe legen. Da sind 5.000 bis 10.000 Mark keine Seltenheit.“ Daneben gehören zu Aulls Kunden auch „normale“ Handwerker, die sich einen besonderen Anzug für feierliche Anlässe fertigen lassen, oder Leute mit Figurproblemen, die nicht so einfach etwas von der Stange bekommen. Für diese schneidert Aull schon zu einem Einstiegspreis von 1.200 bis 4.000 Mark Anzüge.

Im Top-Business ist der dunkle Anzug immer noch ein Muß

Die aktuelle Mode spielt bei Maßanzügen keine große Rolle. „Sicher gibt es in jeder Saison neue Stoffe, andere Schnitte und Designs, aber im Top-Business kleidet man sich klassisch in dunkelblau oder dunkelgrau.“ Der dunkle Anzug ist in vielen Chefetagen also immer noch ein Muß. Aull erzählt: „Ich habe einen Kunden um die dreißig. Weil er nur dunkelblaue Anzüge trägt, habe ich ihm schon zwanzigmal den gleichen Anzug gefertigt. Dieser Kunde hat neulich bei mir auch zwei Sakkos machen lassen, aber die zieht er an, wenn er Samstags mit seiner Freundin spazieren geht.“

400 Maßanzüge fertigt die Schneiderei Aull im Jahr. Damit ist die Kapazität zwar nur gering ausgelastet, aber das Geschäft mit den Maßanzügen macht schon die Hälfte des Umsatzes aus. Auch in Zukunft setzt Aull angesichts der schlechten Lage in der Bekleidungsindustrie auf seine Topkunden. „Im Mittelstand sieht es momentan verdammt schlecht aus, da geht es schon seit vier Jahren im freien Fall bergab. Das merken wir in der normalen Produktion natürlich auch. Mit den Maßanzügen habe ich mich aber inzwischen relativ weit oben etabliert. Hier merkt man die schlechte Konjunktur weniger, weil im Topmanagement niemand an der Kleidung spart.“ So seien Aulls Umsätze durch die Maßanzüge stabil geblieben und weil sein potenter Kundenstamm mit jedem Jahr zunimmt, blickt Aull zuversichtlich in die Zukunft. Wie wichtig ist das richtige Outfit für die berufliche Karriere? „Gute Kleidung ist bei jeder Karriere ein absolutes Muß, dann geht es doppelt so schnell.“ Obwohl es Unterschiede in der Kleiderordnung je nach Branche und Region gebe, sei ein gepflegter Auftritt überall gefragt. „Man kann nicht Geschäfte in London oder New York tätigen und dort mit abgelaufenen Absätzen antreten.“ Aull begrüßt, daß gerade der Managementnachwuchs wieder Wert auf gute und teure Kleidung legt. Ob Maßanzug oder Konfektion, ausschlaggebend sei in jedem Fall die Pflege: „Weil sich die Teile nach jedem Tragen regenerieren müssen, ist es wichtig, daß man nicht alles nur einmal hat. Man muß Schuhen und Anzügen, die man oft bis zu 16 Stunden am Tag an hat, nach jedem Tragen eine Ruhepause gönnen, damit sich das Material erholen kann. Wenn die Kleidung dann noch richtig gepflegt wird, bleibt sie über Jahre wie neu.“


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