RHEIN MAIN PRESSE. Matthias Aull näht Maßanzüge für seine Kunden in der gesamten Republik

Erschienen in der RHEIN MAIN PRESSE Journal vom 14. Juni 1997

Matthias Aull näht Maßanzüge für seine Kunden in der gesamten Republik
Der Schneider kommt durchs Internet

Die Idee ist eingeschlagen. Der gelernte Schneider und Bekleidungstechniker Matthias Aull aus dem Spessartort Frammersbach mißt seinen Kunden in den Chefetagen von Flensburg bis Garmisch Anzüge an, zu denen er Kontakt über das Internet aufgenommen hat. Weil der väterliche Schneiderbetrieb im letzten Zipfel Nordbayerns nicht mehr so gut lief, suchte der heute 36jährige nach neuen Wegen und bot seine Dienste zunächst über Btx an. Vor zwei Jahren kaufte er sich einen Computer und stellte sich auf eine bebilderte Präsentation um, die mittlerweile siebzig Seiten umfaßt.

Aull zeigt seinen Heimatort, den Schneiderbetrieb mit zwanzig Mitarbeitern, den inzwischen seine Frau Lisa leitet, seine Arbeitsmethoden mit Zuschnitt per Computer und die Entstehung der Maßkleidung. Er kommt selbst ins Bild, berät über Stil, Farben und Stoffe und gibt auch Referenzen von Kunden an. Und er stellt die Dienstanzüge vor, die er für städtische Unternehmen in Zwickau gearbeitet hat.

In Deutschland hat das Spessarter Schneiderlein inzwischen 300 bis 400 Kunden, konzentriert auf den süddeutschen Raum, doch ebenso mit Stammkunden in Frankfurt, Wiesbaden, im Taunus, in Dortmund oder in Berlin. Einige Anfragen kamen sogar aus den Vereinigten Staaten.

In den ersten zwei Monaten notierte er ungefähr 2000 Internet-Abrufe, mehr tat sich zunächst nicht. “ Aber auf einmal hat’s gekracht! Die Leute kaufen mehrere Anzüge und wieder nach.“ Heute packt Aull sein Auto voll mit Probierteilen, in allen Größen von 44 bis 70, exquisiten italienischen, englischen oder belgischen Stoffen und besucht die Interessenten zu Hause, in ihrem Büro. Er legt vor und nimmt Maß. Dann wird der Anzug angefertigt und dem Kunden, der auch gleich bar bezahlt, zur Fertigprobe gebracht. Alles funktioniert mittlerweile perfekt. Aull plant seine Route sorgfältig, um mit seinen 80 000 Jahreskilometern haushälterisch mehrere Termine gleichzeitig abzudecken.

Die Preise sind mit 1200 bis 2000 Mark für einen Anzug wie im Fachgeschäft kalkuliert. Längst bestellen die Kunden bei Aull auch gleich noch passende Krawatten, Hemden, Mäntel und Schuhe. Und nebenbei, ebenfalls übers Internet, „Levi’s 501“ aus dem Geschäft seines Bruders – die allerdings nicht nach Maß.


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