WIRTSCHAFTSWOCHE. Genau Maß genommen

Erschienen in der 37. Ausgabe der Wirtschaftswoche vom 03.09.1997

Die Riesen seiner Zunft wollte Matthias Aull das Fürchten lehren, und alle Welt sollte erfahren, daß er es – wie das tapfere Schneiderlein in Gebrüder Grimms Märchen – versteht, genau Maß zu nehmen. Und so schlug er zu und hob ab ins Internet. Für Aull, gelernter Schneider und Bekleidungstechniker aus Frammersbach in Unterfranken, ist der globale Informationsverbund seit zwei Jahren zu einem anziehenden Medium geworden. Dort auf der Datenautobahn (http://www.massanzug.de) wirbt er für seine Maßanzüge aus exquisiten englischen und italienischen Stoffen. Das Internet ist sein Laufsteg, hier präsentiert er sich und seine Kollektion auf mittlerweile 40 Seiten, berät über Stil, Farben, Stoffe.

Die elektronische Präsenz kann die persönliche Kundenbetreuung nicht verdrängen: bestellt wird elektronisch, maßgenommen zu Hause oder wenn gewünscht sogar im Büro. So tourt der Maestro gut 80000 Kilometer im Jahr durch die Republik, mißt Bauch, Bein und Bizeps seiner meist gutbetuchten Klientel und impft die Daten seinen computergesteuerten Zuschneidemaschinen ein. Das Ergebnis ist Maßarbeit, ‚eine zweite Haut‘ , schwärmt Aull über die Präzisionsarbeit seinerHigh-Tech-Gesellen.

Mit dem Aufbruch von der fränkischen Marktgemeinde Frammersbach in die virtuelle Modewelt hat der 37jährige einen guten Schnitt gemacht.

Der Schneider spart nicht nur die Kosten für stationäre Geschäfte, er und seine 20 Mitarbeiter betreuen mittlerweile rund 400 Kunden vom hohen Norden bis in den südlichsten Zipfel Deutschlands. Selbst aus der Schweiz, Österreich und den USA klopften schon modebewußte Manager über den Datenhighway an und wollten persönlich Hand an sich legen lassen. 400 Maßanzüge zu Preisen zwischen 1500 und 2000 Markt fertigt der Internet-Schneider im Jahr und setzt damit rund 1,5 Millionen Mark um.
ULRICH GROOTHUIS (Wirtschaftswoche)


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