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Rundschau 1-2/99, Fachzeitschrift für Internationale Herrenmode und Schnittechnik

Ihr Lieblings-Couturier?

Hier würde ich Pierre Cardin nennen, da er die klassischen Herrenformen über Jahrzehnte in perfekter Eleganz umgesetzt hat. Weiterhin lasse ich mich gerne von den  Modeschöpfern inspirieren, z.B. Armani, Versace oder Joop.

Warum ist maßgefertigte Luxusmode heute noch zeitgemäß?
Kleider machen Leute – diese alte Regel gilt nach wie vor. Maßgefertigte Kleidung ist am besten in der Lage, die äußere Form eines Menschen als Persönlichkeit herauszustellen. Maßkleidung unterstreicht und betont den persönlichen Stil. Die exakte Paßform verbunden mit erstklassiger Qualität ermöglicht einen selbst-bewußten, charismatischen Auftritt. Ein weiteres Argument für Maßkleidung: Sie kostet kaum mehr als Konfektion sogenannter Designer, bietet aber ein deutliches Mehr an Produkt.

Welche Faktoren bestimmen zur Zeit die Mode?
Der modische Gesichtspunkt spielt in der klassischen Maßfertigung nur eine sehr geringe Rolle. Ein Beispiel: man redet heute so viel vom 4-Knopf Einreiher, ich habe nur einen einzigen Kunden, der so etwas trägt. Ähnliches gilt für die Stoffauswahl. Hier werden nach wie vor die Klassiker verlangt, so etwas wie Stretch haben meine Kunden noch nie gehört.

Wie beurteilen Sie das Modebewußtsein der Männer in Deutschland?
Anknüpfend an die letzte Frage muß ich sagen, daß das Modebewußtsein meiner Kunden nicht besonders ausgeprägt ist. Etwas ganz anderes ist es mit dem Qualitätsbewußtsein. Hier ist ein besonderes Wissen gepaart mit einem hohen Anspruchsniveau vorhanden. Es wird viel Wert auf ein gutes Aussehen gelegt. Der Mann ist bereit, darin zu investieren, bspw. auch in Krawatten oder gute Schuhe.

Welches modische Highlight muß man sich in dieser Saison unbedingt leisten?
In der klassischen Maßfertigung für Herren gibt es keine saisonalen Highlights.

Ihr persönliches Lieblings-Outfit?
„Weniger ist Mehr“. Ich kleide mich zurückhaltend, am liebsten in dunkelblau. Gelegentlich auch einmal in Brauntöne. Als Anzug bevorzuge ich den Dreiteiler, also Einreiher mit Weste. Nur mit Weste ist ein Mann komplett angezogen.

Was ist für Sie an Mode nach Maß so besonders attraktiv?
Sie besitzt einen unvergleichlichen Tragekomfort. Maßkleidung sitzt wie eine zweite Haut. Nichts spannt, nichts drückt, nichts ist zu kurz oder zu lang. In Maßkleidung bewegt sich der Kunde in jeder Situation mit lässiger Eleganz. Die Folge: Ein neues Gefühl der Selbstsicherheit und ein solides Selbstbewußtsein, wo und mit wem man es auch zu tun hat.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?
Ich schätze den persönlichen Kontakt zum Kunden, der naturgemäß in meinem Metier besonders eng ist, bzw. eng sein muß, wenn man erfolgreich sein will. Durch mein Angebot des Homeservice, also Betreuung des Kunden in seinen eigenen Räumlichkeiten, komme ich sehr viel herum, kenne inzwischen jeden Winkel und jede Stadt in Deutschland. Es ist abwechslungsreicher als immer nur im Büro oder in der Werkstatt zu sitzen. Daneben gibt es mir auch ein sehr befriedigendes Gefühl, mit einem Maßanzug dem Kunden die wirklich optimale Lösung seines Kleidungswunsches anbieten zu können, im Gegensatz zum Konfektionsverkäufer, der immer eine Kompromißlösung schönreden muß.

Was nervt Sie?
Für meinen Homeservice fahre ich im Jahr 70 bis 80.000 km. Da nerven natürlich die Staus. Es ist ein unverständliches Ärgernis, wenn Politiker bestimmter Couleur dieses glatt negieren und glauben, das Verkehrsproblem müsse mit einem Mehr an Bussen und Bahnen gelöst werden. Soll ich Maßkleidung mit Bus und Bahn zum Kunden fahren inklusive aller Stoffmuster usw.? Das ist absurd. Wie viele andere nutze ich das Auto nicht zum Vergnügen sondern um Einkommen zu erwirtschaften (und Steuerzahlungen). Da ist es unverständlich, daß man von weltfremden Leuten, die in aller Regel niemals erfahren haben, was es heißt, sein Geld selber zu verdienen, dermaßen behindert und bevormundet wird. Ein zweites Ärgernis ist, daß die Jugend von Schule und Medien auf die völlig falsche Schiene gesetzt wird. Es wird ein Anspruchsdenken herangezüchtet anstatt klarzumachen, daß an allererster Stelle die eigene Leistung stehen muß.

Ihr berufliches Lebensmotto?
Nach vorne schauen, lernfähig bleiben. Ich gehe davon aus, daß fast alles machbar ist. Den Begriff „Geht nicht“ gibt es nicht.

Ihre Inspirationsquellen?
In modischer Hinsicht die Klassiker, s. vorn. Ansonsten nehme ich sehr gerne Anregungen von Kunden auf, deren Feedback ist mir sehr wichtig.

Woher beziehen Sie Ihre modischen Informationen?
Eine nicht unbedeutende Hilfe ist mein Tuchlieferant Scabal, der zu jeder neuen Kollektion, die ja in das aktuelle modische Umfeld eingebettet ist, eine brauchbare Erläuterung und Beschreibung liefert. Weiterhin besuche ich die einschlägigen Messen und informiere mich in der Fachpresse.

Ihr Erfolgsgeheimnis?
Optimaler Kundenservice, absolute Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Man muß den Kunden die Wünsche von den Augen ablesen. Ein anderer Aspekt ist mein familiärer Hintergrund. Meine Frau und ich betreiben unseren Bekleidungsbetrieb bereits in zweiter Generation, nachdem mein Vater ihn nach dem Krieg gegründet hat. Auch meine Geschwister sind heute in der Bekleidungsbranche tätig.

Was tun Sie persönlich für den Kundenservice?
Wichtig ist die persönliche Auslieferung. Manche Anbieter im Homeservice besuchen den Kunden, um den Auftrag zu schreiben, schicken aber dann den Anzug per Post. Ich liefere persönlich aus inklusive ausführlicher Anprobe. Die exakte Paßform bedarf der unbedingten Überprüfung. Allgemein gesprochen, den Begriff „Dienst“ ernst nehmen, in Deutschland eine Marktnische. Dieses äußert sich bspw. durch jederzeitige telephonische Erreichbarkeit, auch außerhalb der üblichen Geschäftszeiten.

Erfolgskriterien einer guten Kundenberatung?
Zunächst einmal genau zuhören, den Kunden seine Wünsche und Vorstellungen äußern lassen. Anschließend kann man die eigene Erfahrung zu Rate ziehen und versuchen, den Kunden unter Berücksichtigung seiner Wünsche in eine vorteilhafte Richtung zu lenken. Der Kunde muß später das Gefühl haben, daß er die Wahl getroffen hat und nicht der Schneider für ihn.

Ihre Werbestrategie? Wo machen Sie Werbung?
Anfang der 90er Jahre war ich der einzige Schneider im BTX der Bundespost. 1995 ist das Internet aufgekommen und ich möchte für mich in Anspruch nehmen, der erste meines Metiers gewesen zu sein, der im Internet präsent war. Als noch kaum jemand von diesem Medium sprach, sicherte ich mir die geradezu ideale Adresse http://www.massanzug.de . BTX bzw. heute Internet sind zwar wichtig, reichen allein aber natürlich nicht aus. Die Stammkunden müssen regelmäßig angeschrieben, Sonderaktionen durchgeführt und die Mund-zu-Mund-Propaganda angeregt werden.

Wie überzeugen Sie den Kunden von Mode nach Maß?
Den Neukunden mit dem ersten Maßanzug, den Stammkunden mit der Erfüllung seiner seit der ersten Begegnung gewohnt hochgesteckten Erwartungen.

Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter?
Den Mitarbeitern gebe ich das Echo der Kunden weiter, so daß sie sehen, daß es gut und wichtig ist, was sie tun.

Wie läßt sich die derzeitige Ausbildungssituation bzw. Nachwuchsproblematik verbessern?
Genannt habe ich bereits, daß in den Schulen heute eher Anspruchsdenken denn Leistung gelehrt wird. Das ist grundfalsch und es muß einmal deutlich gesagt werden. Wäre das anders, würden die jungen Leute nicht den Weg des vermeintlich geringtsen Widerstands bzw. der geringsten Arbeitsintensität suchen sondern die Schneiderbranche als in Zukunft weit unterbesetztes und damit besonders chancenreiches Berufsfeld entdecken können.

Ihr Tip für den Nachwuchs?
Ohne Leistung und Einsatz geht es nicht. Der Nachwuchs muß sich engagieren, sich reinknieen. Gerade in der Schneiderei hat man eine lange Anlaufphase, hat aber dann später den Vorteil von treuen Stammkunden. Der Kunde ist schwierig zu gewinnen, geht aber dann auch nicht so schnell woanders hin.

Lohnt sich eine Existenzgründung mit einem Atelier heute noch oder sollte man generell ein zweites Standbein haben?
Eine Existenzgründung lohnt, aber nur bei völligem Einsatz. Ein zweites Standbein lenkt eher ab, sofern es sich nicht aus anderen Gründen ergibt.

Wo liegen die Zukunftschancen für das modeschaffende Handwerk?
Die Zukunftschance liegt in der absoluten Kundenbezogenheit, beispielsweise – aber nicht notwendigerweise – im Homeservice. Dienstleistungsbereitschaft, die nicht Schlag 18.00 Uhr beendet ist. Das modeschaffende Handwerk ist auch heute noch zu sehr produktorientiert, oder, anders ausgedrückt, werkstattorientiert. Diese introvertierte Produktbezogenheit muß abgelöst werden, zumindest aber ergänzt werden durch eine extrovertierte Kundenbezogenheit.

Was halten Sie vom CAD-Einsatz im Maßatelier?
Viel! Mit Recht kann ich mich als einer der Pioniere im Einsatz von CAD im Maßatelier bezeichnen. Meine Frau und ich kauften uns eine CAD-Anlage bereits im Jahr 1988, also vor 10 Jahren. Diese Anlage ist noch heute im Einsatz. Der große Vorteil der CAD liegt in der 100%igen Reproduzierbarkeit der einmal erstellten Schnitte. Aber auch der erste Grundschnitt ist schneller und oft präziser erstellt als beim umständlichen Hantieren mit Kreide und Schablonen.

Ist das Berufsbild der Maßschneider noch zeitgemäß?
Kaum. Das Berufsbild der handwerklichen Schneider ist zu sehr produktorientiert und zu wenig dienstleistungsorientiert. Die „weichen“ Qualifikationen für den Umgang mit dem Kunden kommen im Berufsbild gar nicht vor. Auch die modernen Techniken sind unterbelichtet. Welcher Ausbildungsbetrieb ist denn in der Lage, betriebsintern an einer CAD-Technik schulen zu können? Das sind sicher nicht einmal 5 Betriebe in ganz Deutschland!

Wie beurteilen Sie das Image des Schneiderhandwerks?
Das Schneiderhandwerk ist – zumindest in Deutschland – im öffentlichen Bewußtsein nicht attraktiv, es ist verstaubt und antiquiert. Würde man in der Öffentlichkeit eine Umfrage durchführen nach dem altbackendsten Beruf, so fürchte ich, daß das Schneiderhandwerk einen der vorderen Plätze belegen würde. Im Ausland, bspw. England, ist das aber anders. Ein anderes, für das Schneiderhandwerk in der Öffentlichkeit typisches Negativmerkmal, ist das Image „extrem überteuert“. Hier sollte man sich fragen, ob das in einer Zeit, die den „smart shopper“ propagiert, eine sinnvolle Strategie zur Marktdurchdringung ist.

Wie könnte sich das Handwerk positiver in der Öffentlichkeit präsentieren?
Wir brauchen mehr Moshammers! Leute, die in der Öffentlichkeit überzeugt und überzeugend ihren Beruf vertreten. Weiterhin wäre wichtig, daß man sich nicht untereinander aufreibt sondern geschlossen nach außen tritt. In meiner Region Franken/Rhein-Main mahnen sich Betriebe bzw. die Innung untereinander ab. Die aktuellen Querelen um die Zusammenlegung der beiden Bundesverbände sind ein Armutszeugnis mit dem Erfolg, daß wir beim ZDH nicht mehr wirksam vertreten sind.

Das Maßatelier im Jahr 2000: Was ist „in“, was ist absolut „out“?
In: Homeservice, Freundlichkeit, Service, der sich nicht an rigide Ladenöffnungs-zeiten klammert, Dienstleistung; aber auch das Top-Produkt!
Out: das verstaubte Atelier im Hinterhof, der Schneider, der auf dem Tisch sitzt.


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