MAINPOST. Der erste Schneider im Internet

Erschienen in der Mainpost am Dienstag, den 20. August 2002

Auch der erste Schneider im Internet hat mit Auftragsmangel zu kämpfen Kunden von Prag bis Luxemburg Frammersbach Auf Maßarbeit und modernste Kommunikations- mittel setzt Matthias Aull aus Frammersbach. Als Deutschlands erster Internet-Schneider ging er in die Geschichte des neuen Mediums ein – und fand zahlreiche Nachahmer. Heute sichert das Internet trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds seine berufliche Existenz. Denn online kann er vom Spessart aus Kunden in ganz Deutschland und selbst im benachbarten Ausland gewinnen. Auch der erste Schneider im Internet hat mit Auftragsmangel zu kämpfen.

Er ist 42 Jahre alt, lebt in Frammersbach und ist ein Pionier des Internet-Zeitalters. Als erster Schneider Deutschlands hat Matthias Aull seine Dienste online angeboten: zunächst im btx-System der Telekom, dann ab 1996 im weltweiten Internet. Publikationen wie „Der Spiegel“, die „Wirtschaftswoche“ und das „Handelsblatt“ haben damals über den innovativen Maßschneider aus dem Spessart berichtet.

Professoren und Vorstände von Aktiengesellschaften ordern bei ihm ebenso ihre Maßanzüge wie Otto- Normalverbraucher. So berichtet Aull von einem jungen Zwei-Meter- Mann aus Gemünden, der gerade seinen Doktor gemacht hatte und sich für das Vorstellungsgespräch von ihm einkleiden ließ. Wegen seiner Größe passte dem Hünen kein Anzug von der Stange. „Er hat jetzt eine gute Position bei einem Chemiekonzern“, sagt Aull.

Auf seiner Homepage im Internet bedanken sich zufriedene Kunden von Prag bis Luxemburg, von Rügen bis zum Bodensee. Der Osten Deutschlands ist eher schwach vertreten, erklärt der Mann mit dem Maßband. Seine Schwerpunkte liegen in Berlin und Hamburg, dem Ruhrgebiet und Rhein-Main. 400 Bestandskunden umfasst seine Kartei, bis zu 80 Neukunden kommen pro Jahr übers Internet dazu. Daneben spielen persönliche Empfehlungen weiterhin eine große Rolle.

Auch die Alterstruktur seiner Klientel hat sich deutlich gewandelt. „Früher waren die Kunden eher gesetzt und über 50“, berichtet er. Heute dagegen nehmen viele 30- bis 40-Jährige über das Internet mit ihm Kontakt auf, lassen sich seinen Prospekt zuschicken und vereinbaren telefonisch einen Termin. Denn am Home-Service hat sich auch im digitalen Zeitalter nicht viel geändert: Der Schneider nimmt persönlich Maß beim Kunden, berät ihn bei den Stoffen, den Farben und dem Schnitt. Danach wird der Anzug in Frammersbach oder Brüssel gefertigt. Im Internet finden 99 Prozent der Neukunden den Schneider über die Suchmaschinen. „Ich hatte eine glückliche Hand bei der Wahl meiner Domain“, sagt Aull zu seinem Erfolgsrezept, bei dem die eingängige Internet-Adresse eine wichtige Rolle spielt. Immerhin ist auch online der Wettbewerb viel härter geworden. Mehr als 50 ähnliche Service-Angebote finden sich heute allein für Deutschland im weltweiten Datennetz. „Es herrscht ein starker Verdrängungswettbewerb. Viele der Anbieter wird es nächstes Jahr nicht mehr geben“, klagt Aull. Auch er selbst bekommt die Auftragsflaute zu spüren. Nach einem guten Jahresbeginn seien die letzten beiden Monate ganz schlecht gelaufen, berichtet er. Dennoch bleibt Aull optimistisch. Als Einzelkämpfer könne er sich leichter auf solche Situationen einstellen, sagt der gelernte Bekleidungstechniker.

Während es in der Nachkriegszeit praktisch in jedem Frammersbacher Haushalt einen Schneider gab, sind heute nur noch einige wenige Betriebe übrig geblieben. Immerhin gibt es auch Lichtblicke. So hat die neu gegründete Frammersbacher Bekleidung GmbH Maschinen und Mitarbeiterinnen der insolventen Firma Lisa Aull übernommen, die auch für Matthias Aull Anzüge fertigte. Die Produktion in Frammersbach läuft damit weiter. Geschäftsführender Gesellschafter ist der Wiesbadener Unternehmensberater Claus von Kutzschenbach, ein Stammkunde von Matthias Aull.

Von unserem Redaktionsmitglied Peter Kallenbach


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